In den Grenzen von morgen


In den Grenzen von Morgen

Über die neuen Foto-Arbeiten von Christoph Woloszyn, Hagen

Bleckkirche GE, 7.4. 2017

 

Meine Damen und Herren:

Als der US-Multimedia-Mann und Internet-Pionier Jaron Lanier, einer der führenden Köpfe der „virtuellen Realität“ und damit des digitalen Zeitalters, im Jahr 2014 mit dem deutschen Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche geehrt wurde, staunten die prominenten Gäste über seine nachhaltige, famose, aber äußerst skeptische und sogar provozierende Rede nicht schlecht. Ausgerechnet der Vater von Microsoft und einer der wichtigsten Vordenker des Vernetzungs-Fortschritts aus dem Silicon Valley dämpfte die Erwartungen an eine „glänzende mediale und automatisierte Zukunft“. Er zeigte Grenzen und Gefährdungen, Probleme und Ausuferungen dieser schnelllebigen Entwicklungen auf – Lanier forderte in ungewöhnlich lebhafter und brisanter Form „einen digitalen Humanismus und eine digitale Emanzipation“. Sind wir global also bereits an moralische, ethische, soziale, politische, kommunikative, aber sicherlich kaum an technische Grenzen gestoßen? So jedenfalls hörte es sich an. Originalton Lanier: “Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen.“ Wenn wir zugeben würden, dass immer noch Menschen gebraucht werden, um die Big Data herzustellen, „und wenn wir willens wären, unsere Fantasien von künstlicher Intelligenz zu zügeln, dann könnten wir vielleicht ein neues Wirtschaftsmuster erschaffen, in dem auch in den Ergebnissen der digitalen Wirtschaft die Glockenkurve statt des Starsystems auftaucht…“

Warum spreche ich von diesem besonderen Ereignis vor drei Jahren, nach dem ein diskutabler Ruck durch die weltweite Digital-Daten-Branche ging? Weil Lanier Grenzen sah, auf diese allgemein aufmerksam machte, damit eine bisher nahezu beispiellose Erfolgsgeschichte stoppte, weil er davor warnte, allzu fortschrittlich in diesem Bereich gepolt zu sein und er dazu aufrief, genauer hinzusehen und Fehlentwicklungen abzustellen. Die Welt in einem Daten-Pool in ihrer Gesamtheit zu erfassen? Nein, das darf nicht sein. Denn, so Lanier: „Wer diese Daten sammelt, hat die Macht.“ Und die kann zunächst anonym, aber belastend für alle ausfallen – eine Diktatur der Daten-Riesen dürfe nicht das Ziel all dieser Entscheidungen und Bestrebungen sein, warnte Lanier – und spielte anschließend in der Pauslkirche auf einer Flöte eine Komposition, die er seinem verstorbenen Vater ihn ehrend widmete…

Wir sind also mitten im Thema, das der Fotograf Christoph Woloszyn aus Hagen in dieser ungewöhnlichen, zukunftsweisenden Ausstellung anstößt: Wir Menschen, ob im Umfeld der Tokioter Börse und in den Medien-Zentralen der USA, ob in den Machtpalästen Pekings oder in deutschen Technologie-Labors, müssen mit Grenzen leben. Vor allem bei der Umwelt, beim Klima. Fortschritt ist gut und dürfe nicht, um noch einmal Lanier zu zitieren, verteufelt werden. Aber wir müssen strenger, bewusster, präziser, wacher auf die Gefahren hinweisen und sie kontrollieren, um nicht als Menschheit abzustürzen und in einer Grauzone zu verharren, die von irgendwelchen genialen Denkern oder skrupellosen Super-Firmen als Tabuzone für alle übrigen Menschen begriffen wird. Der Fokus liegt demnach auf Controlling. In Alaska stürzen jahrtausendealte Eisgiganten ein, in Südamerika jagt ein Tornado den anderen, in Malaysien oder Indonesien gehören Unwetterkatastrophen mit Tsunamis fast schon zum Alltag.

 

Woloszyn, ein gebürtiger Pole, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt und durch seine so faszinierenden wie sozial eingebundenen, auch filmisch inspirierten Foto-Serien seit einigen Ausstellungen in Gelsenkirchen, Hagen und anderswo Aufmerksamkeit als beunruhigende „Zeit-Zeichen“ erzielt, macht sich bildnerisch Gedanken um Grenzen, Begrenzungen, Entgrenzungen, Abgrenzungen, Umgrenzungen, weil auch er die große Show der künstlichen Intelligenz, also von programmierten Robotern beispielsweise, demnächst befürchtet. Und weil er sieht, wie maßlos wir in die Natur und Umwelt eingreifen. Wird darüber zu wenig nachgedacht? Er will nicht die Uhr zurückstellen und in irgendwelche früheren, romantisch verklärten Epochen zurückkehren. Aber in seinen Horror- und Bedenken-Fantasien, teilweise grandios und gnadenlos schön oder bizarr ausgelegt, wird deutlich, wie sich unsere Welt, zumal die für jedermann begehbare Umwelt verändern, verfremden, verwachsen und als gesunde Biotope stark reduzieren kann. In seinen digitalen Bildmustern begreift Woloszyn, der mit Foto-Sequenzen von behinderten Menschen oder mit Momentaufnahmen schreiender Menschen große Achtungserfolge für sich als Künstler verbuchte, zeigt symbolbeladene Gesichter als versteinerte Masken, als zerfranste Aliens, als sinnbildliche Schönheit als aus dem Dunkel aufsteigende Erinnerungsskulptur oder als verlehmte, dickschichtige, die Physiognomie verdeckende oder sogar auslöschende Schlammkruste. Man muss also den Zeitgenossen, die Zeitgenossinnen „dahinter“ entdecken und aufspüren, muss die Umweltsünden, die uns alle betreffen, freikratzen, löschen oder wegschaben, um an die allgemein gültige Wahrheit und Wirklichkeit wieder zu geraten. Der Fotograf sieht in die Zukunft: eine verzerrte, verkrustete, verpackte, zerstörerische, menschen-, kreatur- und naturfeindliche Utopie, zu der wir alle bisher meist noch gläubig und fraglos in der Realität oder in Visionen reisen.

Durch seine am PC und mit starken Eingriffen (gedoppelte Motive!) in das Foto-Original entstandenen Bildlandschaften warnt und mahnt er: Industriebrocken, Rohre, Baustoffe, desolate Architekturen stoßen durch ein schreiendes, weinendes Gesicht, das sich aus einem Chaos herausquält; in einem anderen Werk übernehmen Fabrikprozesse die Rolle des menschlichen, erkrankten und leidenden Herzens; aus einem (durch eine Atomkatastrophe?) verwüsteten, verdorrten, das Überleben kaum noch sichernden Land sieht man einen Mann, der seine Not und seine Ängste herausschreit… usw. Diese bewegenden und beeindruckenden Fotografien heißen beispielsweise „Wehrlos“, „Super-Gau“, „Wut“ oder „Giftwege“ – Menetekel für unsere Zukunft für alle Kontinente! Mahn-Male für ein Auspowern unserer Ressourcen, für die uns verbleibende Natur. Wir sind, so der ebenso engagierte wie ambitionierte Foto-Künstler, nicht mehr weit entfernt von diesem Umwelt-Supergau, den es gilt, mit allen politischen und ökonomischen Mitteln zu bekämpfen und letztendlich durch Besinnung und Vernunft zu verhindern. Eine XXL-Aufgabe erst recht für den Einzelkämpfer, der eben mehr Gleichgesinnte auf seine Seite ziehen will. Woloszyns Schock-Szenarien, oft theatralisch oder manieristisch als flammende Signale aufgebaut und als berstende Drohkulisse eingerichtet, sind virtuelle, visionäre Spiegel für uns alle. Er fordert zunächst Mitdenken ein, um dann – ähnlich wie Jaron Lanier – weitere Schritte zu gehen. Für die Menschheit, für einen internationalen Humanismus, für Frieden, für eine umweltbewusste Natur, für eine neue Werteordnung für die Schöpfung auf der Erdkugel.

 

Während die Mehrheit der Künstler im (foto-)grafischen Bereich das Harmlose, das Gutgemeinte oder rein ästhetische Prinzipien in den Vordergrund ihres Schaffens rücken, schlägt Woloszyn einen anderen Weg ein: einen, der uns aufweckt, der anklagt, der beunruhigt, der das Gewissen und unsere kultische Ratio in seinem kreativen Ringen allgemein anpeilt. Es ist ihm zu danken, dass er mal wieder einen globalen, aber auch in Deutschland geltenden Tabu-Bereich in den Fokus stellt.

Dass er diese aufrüttelnden Sinn-Bilder gerade hier in der Bleckkirche ausstellt, deutet auf Zusammenhänge zwischen religiöser, christlicher Botschaft und ethischer und sozialer Verantwortung, die uns alle einschließt. Dafür sei dem Veranstalter ebenso gedankt wie dem Fotografen. Hier, angesichts dieser blutig-brutalen Bild-Zeichen, findet zumindest ein geschlossenes Nachdenken über menschliches Verhalten und die Position des „Kopf-in-den-Sand-stecken“ statt. Hoffentlich ist für die Menschheit noch Zeit, um Woloszyns inszenierte Gedankenweite nicht als eng begrenzte Realität akut werden zu lassen. Also: Das ist ein großartiger und vitaler Impuls, die Grenzen des Fortschritts und der Zukunft zu bedenken. Woloszyns Fotografie geht demnach weit über Gelsenkirchen, das Ruhrgebiet oder deutsche Polit-Positionen hinaus.

 

Erweitert man den Interpretationskanon für sein Schaffen, kommen auch philosophische oder ethnologische, ökologische und ökonimische Ansätze ins Spiel. Man merkt bei diesen Gedankengängen und Gehirnaktivitäten schnell: Dieser uns aufrüttelnde Foto-Künstler überspringt mit seinen ebenso erzählenden wie meditativen Werken radikal, experimentell und risikobewusst individuelle und allgemeine Grenzen (schon heutige?!) – aber nur in einem ausschließlich positiv gemeinten Blick.

Diese Ausstellung verdient daher eine Weitergabe an Galerien, Museen, Kultureinrichtungen und Bildungsinstitute.

Ich danke Ihnen. 

 

 

Jörg Loskill (Kunsthistoriker, Buchautor und Herausgeber)